Teilraffiniertes Öl unter ISCC EU: Eine kleine Formulierungsänderung mit praktischen Folgen
In zertifizierten Lieferketten für Pflanzenöle und Biokraftstoff-Rohstoffe ist die Art und Weise, wie ein Produkt auf einem ISCC-Zertifikat benannt wird, keine administrative Formalität. Sie bestimmt, wie das Material in einem Massenbilanzsystem klassifiziert wird, wie es durch eine Chain of Custody fließt und ob nachgelagerte Käufer es im Rahmen ihrer eigenen Zertifizierungsanforderungen akzeptieren können.
Im April 2026 veröffentlichte ISCC EU ein Update, mit dem „Semi refined oil“ als neuer Materialeintrag eingeführt wurde. Das Update ist knapp und technisch, doch seine kommerziellen Auswirkungen betreffen jeden Marktteilnehmer, der Pflanzenöle handhabt — einschließlich Rapsöl, Altspeiseöl und verarbeitete Stoffströme wie freie Fettsäuren — die zwischen Ölmühle und Raffinerie eine Teilverarbeitung durchlaufen haben.
Was das ISCC-EU-Update besagt
Das ISCC-EU-Update etabliert „Semi refined oil“ als benannten Materialeintrag in Tabelle 2: Zwischen- und Endprodukte der ISCC-EU-Materialliste.
Das Update definiert das neue Material wie folgt: Rohöl, das in einer Ölmühle verarbeitet oder teilraffiniert wird — einschließlich Verfahren wie Entschleimung oder Neutralisation — aber noch nicht die Spezifikation von vollständig raffiniertem Öl erreicht hat, sollte die Materialbezeichnung „Semi refined oil“ erhalten.
Dies ist eine Klarstellung der Klassifizierung, keine neue Produktkategorie im kommerziellen Sinne. Das physische Material — teilverarbeitetes Pflanzenöl — existiert und wird seit vielen Jahren gehandelt. ISCC EU hat nun einen ausdrücklichen benannten Eintrag bereitgestellt, der es sowohl von Rohöl als auch von raffiniertem Öl unterscheidet.
Die dreistufige Klassifizierung
Das Update formalisiert eine dreistufige Materialklassifizierung für Pflanzenöle, die eine Raffinationssequenz durchlaufen:
- Rohöl: das Öl, wie es in der Ölmühle gewonnen wird, ohne weitere Verarbeitung. Beispiele sind rohes Rapsöl vor jedem Raffinationsschritt.
- Teilraffiniertes Öl: Rohöl, das eine Teilraffination durchlaufen hat — zum Beispiel Entschleimung, also die Entfernung von Phospholipiden, oder Neutralisation, also die Entfernung freier Fettsäuren — aber noch nicht die Spezifikation für raffiniertes Öl erfüllt.
- Raffiniertes Öl: Öl, das die vollständige Raffinationssequenz abgeschlossen hat — Entschleimung, Neutralisation, Bleichung und Desodorierung — und die kommerzielle Spezifikation für raffiniertes Pflanzenöl erfüllt.
Warum die Klassifizierung kommerziell wichtig ist
In ISCC-zertifizierten Lieferketten ist die Materialbezeichnung auf einem Nachhaltigkeitsnachweis, dem Proof of Sustainability (PoS), die wichtigste Grundlage, auf der nachgelagerte Marktteilnehmer das eingehende Material in ihren eigenen Massenbilanzsystemen identifizieren und erfassen.
Wenn eine Ladung teilraffinierten Öls als „Rohöl“ deklariert wird, erhält der nachgelagerte Verarbeiter einen PoS, der die Verarbeitungshistorie des Materials nicht korrekt beschreibt. Daraus ergeben sich mehrere praktische Probleme:
- Massenbilanzabweichung: Die Massenbilanz des nachgelagerten Betreibers berücksichtigt den bereits in der vorherigen Stufe entstandenen Raffinationsausbeuteverlust möglicherweise nicht korrekt.
- Abweichung im Zertifizierungsumfang: Wenn der Betreiber, der die Teilraffination durchgeführt hat, nicht unter dem Umfang „Refinery“ zertifiziert war, entsteht eine Lücke in der Chain of Custody.
- Risiko der Käuferakzeptanz: Ein Käufer, der „rohes Rapsöl“ oder „raffiniertes Rapsöl“ spezifiziert, hat eine Dokumentationsabweichung, wenn er einen PoS für eine andere Materialkategorie erhält.
- Audit-Risiko: ISCC-Auditoren, die Dokumentationsflüsse prüfen, werden kontrollieren, ob die Materialbezeichnungen über die gesamte Kette hinweg konsistent sind.
Zertifizierungsanforderungen für Betreiber
ISCC EU legt fest, dass der wirtschaftliche Betreiber, der die Teilraffination durchführt, unter dem Zertifizierungsumfang „Refinery“ zertifiziert sein muss. Eine Ölmühle, die nur als „Point of Origin“ für die Produktion von Rohöl zertifiziert ist, muss ihren ISCC-Zertifizierungsumfang möglicherweise erweitern, wenn sie auch Teilraffinationsschritte durchführt.
Wenn der Teilraffinationsprozess außerdem Abfall- oder Reststoffe erzeugt — etwa Schleimstoffe aus der Entschleimung oder Soapstock aus der Neutralisation — und diese Stoffströme in zertifizierte Lieferketten für Biokraftstoff-Rohstoffe geliefert werden, zum Beispiel als freie Fettsäuren oder Säureöl, muss der Betreiber auch eine individuelle Zertifizierung als Point of Origin für diese Abfall- oder Reststoffströme besitzen.
Praktische Compliance-Schritte
Für Betreiber und Händler, die in Pflanzenöl-Lieferketten aktiv sind, erfordert das Update eine Überprüfung der aktuellen Praktiken:
- Materialidentifikation: Bestimmen Sie für jedes gehandhabte Produkt, ob es sich um Rohöl, teilraffiniertes Öl oder raffiniertes Öl handelt. Jedes teilweise verarbeitete Öl — kommerziell als „entschleimt“ oder „neutralisiert“ beschrieben — sollte in der ISCC-Dokumentation nun als teilraffiniertes Öl klassifiziert werden.
- Überprüfung des Zertifizierungsumfangs: Wenn Ihre Organisation eine Teilraffination durchführt und derzeit nur als Point of Origin oder Trader zertifiziert ist, prüfen Sie, ob eine Erweiterung um den Umfang Refinery erforderlich ist.
- Abgleich von PoS und Verträgen: Stellen Sie sicher, dass Materialbezeichnungen auf Nachhaltigkeitsnachweisen, Kaufverträgen, Verkaufsverträgen und Rechnungsbeschreibungen konsistent sind.
- Aktualisierung der Massenbilanz: Aktualisieren Sie Massenbilanzaufzeichnungen so, dass die Materialbezeichnung teilraffiniertes Öl verwendet wird, mit dem entsprechenden Input-Output-Umrechnungsfaktor für den Teilraffinationsschritt.
- Zertifizierung von Abfallströmen: Überprüfen Sie, ob für während der Teilraffination erzeugte Abfall- oder Reststoffströme eine Point-of-Origin-Zertifizierung besteht.
Ein wichtiger Compliance-Hinweis
ISCC weist ausdrücklich darauf hin, dass seine Materialliste keine „Positivliste“ für die Nachhaltigkeitsklassifizierung ist. Das Erscheinen eines Materials in der ISCC-Materialliste klassifiziert es für sich genommen nicht als Abfall oder Reststoff, als doppelt anrechnungsfähig oder als fortschrittlichen Rohstoff im Sinne von RED III. Die Förderfähigkeit hängt von den jeweils geltenden nationalen Rechtsvorschriften des Mitgliedstaats ab, in dem der Biokraftstoff in Verkehr gebracht wird.
Zum regulatorischen Rahmen für die Klassifizierung von Biokraftstoff-Rohstoffen in Deutschland und der weiteren EU siehe unseren Beitrag über Deutschlands Ziele für erneuerbare Kraftstoffe und ihre Bedeutung für die Versorgung mit Biokraftstoff-Rohstoffen in Europa.
Technische Referenz: Wichtige Qualitätsparameter
Die praktische Unterscheidung zwischen Rohöl, teilraffiniertem Öl und raffiniertem Öl lässt sich messbaren Qualitätsparametern zuordnen:
- Gehalt an freien Fettsäuren (FFA %): Die Neutralisation reduziert FFA erheblich; teilraffiniertes Öl weist niedrigere FFA-Werte als Rohöl auf, kann sich aber bei anderen Parametern von vollständig raffiniertem Öl unterscheiden.
- Phosphorgehalt (ppm): Die Entschleimung entfernt den Großteil der Phospholipide; ein entschleimtes, aber nicht weiter raffiniertes Öl weist einen niedrigeren Phosphorgehalt als Rohöl auf.
- Feuchtigkeit und Verunreinigungen: werden durch Teilraffination typischerweise reduziert.
- Seifengehalt: vorhanden in neutralisiertem Öl vor der Wasserwäsche; relevant für die Akzeptanz durch Verarbeiter.
- Farbe und Geruch: werden durch Bleichung und Desodorierung behandelt — nicht allein durch Teilraffination.
Wie Prime Elements helfen kann
Prime Elements liefert Pflanzenöl-Rohstoffe — einschließlich Rapsöl, Altspeiseöl (UCO), tierische Fette der Kategorien 2 und 3 und freie Fettsäuren (FFA) — mit vollständiger RED-III-konformer Dokumentation und ISCC- oder gleichwertiger Zertifizierung. Prime Elements verfügt über eine deutsche Registrierung gemäß EU-Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 für den Handel mit ausgelassenen Fetten und Altspeiseöl; Details finden Sie in unserer Registrierungsmitteilung. Unser Team hält sein Wissen über ISCC-EU-Updates und deren operative Auswirkungen auf physische Rohstoff-Lieferketten stets aktuell. Kontaktieren Sie unser Team, um Rohstoffbeschaffung und Supply-Chain-Compliance zu besprechen.



