EU-anerkannte Zertifizierungssysteme für Biokraftstoffe: Wie viele gibt es und was decken sie ab?

Mit Stand August 2026 erkennt die Europäische Kommission im Rahmen der Erneuerbare-Energien-Richtlinie offiziell 18 freiwillige und nationale Zertifizierungssysteme an. Die Zahl ist ein Ausgangspunkt, aber keine abschließende Antwort: Die Systeme unterscheiden sich erheblich hinsichtlich des Rohstoffumfangs, der geografischen Abdeckung, der Kraftstoffarten und der Abdeckung der Lieferkette.
Die Anerkennung durch die Europäische Kommission im Rahmen der Erneuerbare-Energien-Richtlinie wird häufig verkürzt als „das System ist zugelassen“ verstanden, doch die Anerkennung hat einen klar definierten Umfang. Nicht jedes anerkannte System deckt jeden Rohstoff, jedes Herkunftsland, jede Kraftstoffart oder jede Stufe der Lieferkette ab. Für einen Händler, Verarbeiter oder Kraftstoffproduzenten lautet die praktische Frage daher nicht, welche Systeme die EU anerkennt, sondern ob ein bestimmtes System ein bestimmtes Produkt, dessen Herkunft, die jeweilige Stufe der Lieferkette und den Zielmarkt abdeckt.
Was die EU-Anerkennung bedeutet
Ein anerkanntes freiwilliges oder nationales System überprüft durch unabhängige Audits, ob die Akteure entlang einer Lieferkette Anforderungen an Nachhaltigkeit und Rückverfolgbarkeit erfüllen. Dies ergänzt die physischen Qualitätsprüfungen, die in unserem Artikel darüber beschrieben werden, was die Qualität von Biodiesel bestimmt, ersetzt sie jedoch nicht. Ein Audit im Rahmen eines Zertifizierungssystems umfasst typischerweise:
- Nachhaltigkeitskriterien
- Treibhausgaseinsparungen
- Herkunft der Rohstoffe
- Rückverfolgbarkeit und Chain of Custody
- Dokumentation entlang der gesamten Lieferkette
In der Praxis ist ein Zertifikat nur so belastbar wie die Fähigkeit des Auditors, diese Punkte auf jeder Stufe zu überprüfen, die das jeweilige System abzudecken vorgibt. Ein System, das die gesamte Kette von der Primärproduktion bis zum Kraftstoffproduzenten abdeckt, bietet einem Käufer ein anderes Maß an Sicherheit als ein System, das bereits an einer zwischengelagerten Sammelstelle endet, selbst wenn beide unter derselben allgemeinen Bezeichnung der „EU-Anerkennung“ geführt werden.
Wie viele Systeme derzeit anerkannt sind
Mit Stand August 2026 sind 18 Systeme von der Europäischen Kommission anerkannt. Diese Zahl hat sich im Laufe der Zeit verändert, da neue Systeme eine Anerkennung beantragt haben, bestehende Systeme verlängert wurden und die Anerkennung in einigen Fällen nach Feststellungen im Rahmen eines Audits ausgesetzt oder entzogen wurde. Diese Zahl sollte daher immer anhand der von der Kommission veröffentlichten Liste zum Zeitpunkt der Nutzung überprüft und nicht als unveränderlicher Referenzwert aus einer früheren Transaktion oder einer Due-Diligence-Datei aus dem Vorjahr betrachtet werden.
Warum die Systeme nicht austauschbar sind
Anerkannte Systeme unterscheiden sich gleichzeitig in mehreren Dimensionen, und ein System, das in einem Bereich sehr gut geeignet ist, kann insgesamt dennoch die falsche Wahl sein, wenn es in einem anderen Bereich nicht passt:
- Abgedeckte Rohstoffe
- Abgedeckte Kraftstoffe und Endprodukte
- Geografische Abdeckung und länderspezifische Profile
- Abdeckung der gesamten Lieferkette gegenüber nur einer einzelnen Stufe, beispielsweise vom landwirtschaftlichen Betrieb bis zur ersten Annahmestelle
- Behandlung von Abfall- und Reststoffrohstoffen
- Nationale Anerkennung und Akzeptanz durch Käufer
Ein System, das primär für einen bestimmten Rohstoff, eine bestimmte Region oder eine bestimmte Stufe der Lieferkette entwickelt wurde, kann für den vorgesehenen Betreiber vollkommen geeignet sein und gleichzeitig für einen anderen Betreiber mit einem anderen Rohstoff, einer anderen Herkunft oder einem anderen Markt völlig ungeeignet sein, obwohl beide Systeme in derselben Liste der Kommission nebeneinander aufgeführt sind.
Breit angelegte Systeme im Vergleich zu spezialisierten Systemen
Zur Orientierung lassen sich die 18 anerkannten Systeme nach der Art ihrer allgemeinen Abdeckung gruppieren. Diese Einteilung dient lediglich der redaktionellen Veranschaulichung der Unterschiede zwischen den Systemen und stellt keine offizielle rechtliche Klassifizierung dar.
| Kategorie | Systeme |
| Breiter internationaler Anwendungsbereich oder vollständige Lieferkette | Better Biomass, 2BSvs, ISCC EU, KZR INiG, REDcert, RSB |
| Rohstoffspezifische Systeme | Bonsucro EU (Zuckerrohr und verwandte Produkte), RTRS EU RED (Soja), SSAP-RED (US-Sojabohnen) |
| Regionale oder auf Teile der landwirtschaftlichen Lieferkette beschränkte Systeme | AACS, Red Tractor, SQC, TASCC, UFAS |
| Auf RFNBO oder feste Biomasse ausgerichtete Systeme | CertifHy, PEFC, SBP, SURE |
Die breit angelegten Systeme mit vollständiger Lieferkettenabdeckung sind in der Regel diejenigen, mit denen europäische Biokraftstoffhändler am besten vertraut sind, da sie die größte Bandbreite an Rohstoffen, Regionen und Lieferkettenstufen abdecken. Rohstoffspezifische und regionale Systeme existieren, weil ein globales System für die gesamte Lieferkette nicht immer die praktischste oder kosteneffizienteste Lösung für einen Betreiber ist, der mit einem einzigen Rohstoff in einem einzigen Land arbeitet; ein britischer Getreidesammler kann beispielsweise feststellen, dass ein nationales Qualitätssicherungssystem für seinen täglichen Betrieb relevanter ist als ein globales Multi-Feedstock-System. Die auf RFNBO und feste Biomasse ausgerichteten Systeme liegen wiederum weitgehend außerhalb des Handels mit Rohstoffen für flüssige Biokraftstoffe und sollten nicht automatisch als für landwirtschaftliche oder abfallbasierte flüssige Rohstoffe geeignet angesehen werden, nur weil sie auf derselben Anerkennungsliste erscheinen.
ISCC EU und REDcert-EU als praktische Beispiele
ISCC EU und REDcert-EU gehören zu den am weitesten verbreiteten Systemen mit vollständiger Lieferkettenabdeckung im europäischen Biokraftstoffhandel, sind in der Praxis jedoch nicht identisch, wie unser Überblick über teilraffiniertes Öl unter ISCC EU zeigt. Käufer und Verkäufer sollten sie sowie jedes andere in Betracht gezogene System anhand folgender Punkte vergleichen:
- Produktumfang
- Geografische Abdeckung und Länderprofile
- Durch das Zertifikat abgedeckter Umfang der Lieferkette
- Verfügbarkeit von Zertifizierungsstellen und Auditoren
- Anforderungen an Dokumentation und Massenbilanzierung
- Bekanntheit und Akzeptanz bei Käufern im Zielmarkt
Ziel dieses Vergleichs ist nicht festzustellen, welches System „besser“ ist. Vielmehr soll gezeigt werden, dass die richtige Wahl vom jeweiligen Betrieb und Zielmarkt abhängt und nicht vom allgemeinen Ruf eines Systems.
Was eine Zertifizierung nicht automatisch nachweist
Eine Anerkennung im Rahmen der Erneuerbare-Energien-Richtlinie weist für sich allein nicht Folgendes nach:
- Berechtigung zur Doppelanrechnung in jedem Mitgliedstaat
- Behandlung gemäß Anhang IX in einem bestimmten nationalen Markt
- Akzeptanz durch jeden Käufer
- Die physische Qualität des Rohstoffs
- Die Richtigkeit einer kommerziellen Produktbeschreibung
- Das Fehlen eines Betrugsrisikos
Jeder dieser Punkte hat in der Praxis bereits wiederholt zu Streitfällen geführt. Insbesondere die Doppelanrechnung und der Status gemäß Anhang IX werden auf Ebene der Mitgliedstaaten festgelegt und können selbst für denselben zertifizierten Rohstoff unterschiedlich ausfallen. Daher kann nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass ein Zertifikat, das in einem Land eine Doppelanrechnung ermöglicht, dies auch in einem anderen Land tut. Eine Zertifizierung sagt außerdem nichts darüber aus, ob die Ladung tatsächlich ihrer physischen Beschreibung entspricht; diese Sicherheit muss weiterhin durch unabhängige Probenahme und Prüfung zum Zeitpunkt der Übergabe gewährleistet werden.
Fragen, die ein Händler vor der Auswahl eines Systems stellen sollte
Die folgenden Fragen sollten vor der Entscheidung für ein System geklärt werden und nicht erst, nachdem eine Ladung bereits zertifiziert wurde. Dadurch lassen sich die häufigsten Lücken zwischen dem tatsächlichen Umfang eines Systems und den Anforderungen einer konkreten Transaktion vermeiden:
- Welcher Rohstoff wird gekauft und verkauft?
- Welcher Endkraftstoff oder welche Anwendung wird produziert?
- Welche Herkunftsländer müssen abgedeckt werden?
- Welche Aktivitäten innerhalb der Lieferkette führt das Unternehmen selbst aus?
- In welchem Mitgliedstaat wird das Produkt angerechnet?
- Welches System akzeptiert der Endkäufer tatsächlich?
- Ist eine Meldung an die Union Database erforderlich?
- Steht eine Zertifizierungsstelle mit der erforderlichen Kompetenz zur Verfügung?
Für keine dieser Fragen gibt es marktweit ein einziges Zertifizierungssystem als universell richtige Antwort. Die Antwort hängt vom jeweiligen Rohstoff, seinem Lieferweg und dem Zielmarkt ab. Genau deshalb ist die reine Anzahl der anerkannten Systeme weniger aussagekräftig, als sie auf den ersten Blick erscheint.
Fazit
Die Anerkennung ist der Ausgangspunkt, aber nicht die vollständige Antwort. Der Umfang eines Systems muss mit der tatsächlichen Transaktion und dem Zielmarkt abgeglichen werden, genauso wie die Qualität von Rohstoffen und Endprodukten durch repräsentative Probenahme und ein zuverlässiges Analysezertifikat überprüft werden muss, anstatt sie lediglich aufgrund eines Labels vorauszusetzen.
Prime Elements ist nach ISCC EU zertifiziert und liefert Rohstoffe pflanzlichen Ursprungs sowie Abfall- und Reststoffrohstoffe für die Biodieselproduktion im Kontext der umfassenderen Quotenentwicklung, die in unserem Überblick über Deutschlands Ziele für erneuerbare Kraftstoffe und die Rohstoffversorgung sowie in unserem Überblick über Europas Rohstoffmix für Biodiesel beschrieben wird. Dieser Artikel ist als neutraler Überblick über die Zertifizierungslandschaft und nicht als Vergleich einzelner Zertifikate gedacht.
Informationen mit Stand August 2026. Die von der Europäischen Kommission veröffentlichte Liste der anerkannten Systeme sollte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sowie anschließend regelmäßig überprüft werden.






